Thomas Wharton : Der Klang des Schnees

Im Jahre 1898 verunglückt der junge Arzt Edward Byrne auf einer Bergexpedition in den kanadischen Rocky Mountains und fällt in eine Gletscherspalte. Kopfüber bleibt er in einer Verengung der Spalte hängen, was ihn vor dem endgültigen Absturz bewahrt. Bis er vom Bergführer Frank Trask gerettet wird, vergehen Minuten, in dem er vom Farbspiel des Eises und von der Stille in Bann gezogen wird. Unvermittelt meint er, eine im Eis eingeschlossene geflügelte Figur entdeckt zu haben, möglicherweise einen Engel. Doch diese Wahrnehmung dauert nicht lange, denn das in die Gletscherspalte einfallende Licht verändert sich. Er wird verletzt geborgen und muß seine Genesung in einer nahegelegenen kleinen Ansiedlung, Jasper, abwarten. Um ihn kümmert sich Sara, Tochter eines indischen Dieners, der einst seinen Herren auf eine Bergexkursion begleitet hatte, und einer Indianerin. Sie erzählt ihm von der Expedition, an der ihr Vater einst, nicht ganz freiwillig, teilgenommen hatte.
Zurück in England versucht Byrne sein normales Leben wieder aufzunehmen, plant sogar eine Hochzeit. Aber der Unfall und das Gesehene beeinflussen ihn zu stark. Er wird depressiv, unnahbar, sodaß seine berufliche Karriere ins Schlingern gerät und auch die Beziehung zu seiner Verlobten zerbricht. So zieht er wieder in die Rocky Mountains, diesmal als Arzt einer Eisenbahngesellschaft. Jasper hat sich inzwischen verändert. Mit der Eisenbahn ziehen die modernen Zeiten in die Berglandschaft ein. Das Gletschergebiet selbst ist zum Naturschutzgebiet erklärt worden, Jasper, früher eine kleine Ansammlung von Hütten, wurde für die Eisenbahnstrecke verlegt und ist gewachsen. Frank Trask, der ehemalige Bergführer, hat sich ein feudales Anwesen gebaut und plant, die Gegend, touristisch zu erschließen. Byrne treibt es in seiner freien Zeit immer wieder an den Rand des Eisfeldes, er beobachtet die Beschaffenheit und Farbe des Eises, verfolgt das Voranrücken des Eises, sein Schmelzen und den Rückgang des Gletschers. Jahr für Jahr kehrt er immer wieder in das Gebiet zurück, und als er nicht mehr in Diensten der Eisenbahngesellschaft steht, siedelt er sich in einem einsamen Unterstand auf dem Berg an. Nur gelegentlich schaut er auf dem Anwesen von Frank Trask vorbei. Er wirkt auf die dort lebenden oder logierenden Menschen abweisend, kühl, aber auch geheimnisvoll. Sowohl Freya, eine recht emanzipierte Journalistin, als auch Elspeth, die auf dem Anwesen für die hauswirtschaftlichen Belange zuständig ist, finden ihn faszinierend. Freya beginnt eine Beziehung mit dem jungen Dichter Hal Rawson, Byrne nimmt nach längerer Zeit wahr, daß sich Elspeth für ihn interessiert. Beide Paare führen jeweils eine recht komplizierte Beziehung. Byrne führt derweil sein Einsiedlerleben mehr oder weniger fort, nur ab und an unterbrochen durch Elspeths Besuche. Es scheint, er wartet auf etwas....

Etwa fünfundzwanzig Jahre umspannt der Roman und schildert diesen Abschnitt von Byrnes Leben, seiner manischen Beschäftigung mit dem Gletscher, aber auch von der Entwicklung der ehemaligen Heimatstadt des Autors in den Rocky Mountains. Wenn auch literarisch verfremdet und fiktionalisiert, geht der Roman doch von realen Personen und geschichtlichen Ereignissen aus. Der Autor macht es einem oft nicht leicht, denn immer wieder gibt es Zeitsprünge, öfter Rückblenden. Dazu kommen gelegentliche Perspektivwechsel. Und doch fügt sich alles zu einem Ganzen, vielschichtig, schimmernd und faszinierend. Wharton gelingt es, diese Gletscherwelt in all ihrer Bedeutung zu erfassen und auch dem Leser zu vermitteln. Auf der einen Seite erlebt an den Einbruch der Zivilisation des 20. Jahrhunderts in die Naturidylle, zum anderen gewinnt er dem Eis, dem Gletscher eine Vielzahl von Bedeutungsebenen ab. Naturwissenschaft, Erdgeschichte und Philosophie, nicht zuletzt einiges an Metaphysik nehmen nicht nur die handelnden Personen, sondern auch die Leser gefangen. Für mich war dieses Buch lohnend und im besten Sinne ausfüllend.
(Allerdings werde ich mich nie an "Grisli" oder "Fassetten", diesen reformbedingten Ausfluß der orthographischen Grobmotorik gewöhnen können.)

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Salamander

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