Per Petterson : Sehnsucht nach Sibirien

Eine namenlos bleibende Erzählerin blickt im Alter von etwa sechzig Jahren auf ihre Kindheit im dänischen Nordjütland nahe der Grenze zu Schweden und ihre Jahre als junge Erwachsene zurück. In einem kleinen Ort lebt die Ich - Erzählerin mit ihren Eltern und dem älteren Bruder. Der Vater - vom elterlichen Bauernhof verdrängt - hat sich als Handwerker selbständig gemacht, die Mutter ist streng religiös. So sind sind gemeinsam verbrachte Momente er selten und meistens wortkarg. Das Mädchen orientiert sich meist am Bruder. Beide träumen vom Auswandern, doch während der Bruder Jesper von Marokko träumt, zieht es die Schwester nach Sibirien, einer Art Traumland. Beide lesen viel und speisen ihre Vorstellungen aus Büchern. Jesper ist außerdem politisch interessiert. Dann deuten sich schlechte Zeiten an : Der Großvater erhängt sich in der Scheune, die Geschäfte des Vaters gehen zurück, sodaß die Familie in ein kleineres Haus ziehen muß, und in den beengten Verhältnissen teilen sich beide Jugendliche ein Zimmer. Auch politisch sind ungünstige Vorzeichen zu erkennen : In Spanien tobt der Bürgerkrieg, die Nationalsozialisten sind in Deutschland an der Macht. Dann wird Dänemark besetzt, ohne daß sich zunächst Widerstand regt. Jesper schließt sich einer Gruppe an, die Aktionen gegen die Besatzer führt und muß bald das Land verlassen, als die örtliche Gestapo nach ihm zu fahnden beginnt. Das mädchen, das den Bruder nicht verrär, wird von dem Gestapoagenten geschlagen. Doch Jespers Flucht glückt. Zunächst kann er nach Schweden fliehen, dann sich nach Marokko absetzen. Nach dem Kriegsende verläßt auch die Erzählerin den Heimatort. Sie geht nach Kopenhagen, nach Schweden und zuletzt nach Oslo, wo sie als Kellnerin arbeitet. Der Bruder bleibt verschwunden, nur seltene Briefe zeigen an, daß er am Lebenb ist. Die junge Frau bindet sich nicht, ihre Liebesabenteuer bleiben unverbindlich, auch als sie von einem Mann ein Kind erwartet. Sibirien, ihr Traumland hat sie nicht erreicht, denn ihr fehlte das Geld. Doch dann kündigt der Bruder seine Rückkehr an, sobald er sich von einer Krankheit erholt habe. Die Schwester reist zurück in ihren Heimatort, um ihn dort zu treffen....

Der dreiteilige Roman ist Familienportrait, zeitgeschichtliches Zeugnis und die Schilderung einer Geschwisterliebe zugleich. Er ist ruhig, bedächtig, beinahe wortkarg erzählt. Im Mittelpunkt steht die Ich - Erzählerin, eine starke Persönlichkeit, die mit den familiären und zeitgeschichtlichen Katastrophen konfrontiert ist und gelernt hat, ihren Weg zu gehen, auch wenn ihr von der Mutter der Besuch des Gymnasiums untersagt wird, der Vater seiner Frau keinen Widerstand entgegenzusetzen vermag. Nur selten finden Vater und Tochter zueinander, aber die Hilflosigkeit des Vaters bleibt bestimmendes Moment. Ihren Bruder dagegen liebt das Mädchen abgöttisch, leicht inzestuöse Untertöne klingen bei ihr in den Jahren der Pubertät an. Jesper, der zunächst im väterlichen Betrieb arbeiten muß, bevor er bei einer Zeitung eine Lehre als Drucker beginnt, versteht es, seine Freiräume zu nutzen, streift durch die Gegend, engagiert sich politisch und gedenkt, einstmals ein Arbeiterführer zu werden. Bruder und Schwester lesen dieselben Bücher, literarische wie politische. Sie verbringen bis zu seiner Flucht viel Zeit miteinander.

Der Autor beschreibt vor allem im ersten Teil die Umgebung, die Landschaft und das Elternhaus in eindrücklicher Sprache und läßt für den Leser die Weitläufigkeit der Landschaft wie auch die Enge des Elternhauses lebendig werden. Präzise gezeichnet sind seine Portraits der Familienmitglieder, sodaß die familiären Brüche ebenso sichtbar werden wie die Schäden, die einzelne der Figuren erlitten haben. Der Roman wirkt insgesamt karg und streng, doch genau das macht die Intensität des Buches aus, das den Leser recht schnell in seinen Bann ziehen wird. Die Unterteilung in Kindheit, Zeit der dänischen Besetzung und die Nachkriegsjahre, die die Protagonistin zumeist im Ausland verbringt, geben dem Roman eine feste Struktur, verdeutlichen Leitmotive.
Alles in allem kann ich das Buch nur jedem ans Herz legen.

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