Milan Kundera : Der Vorhang
Milan Kundera widmet sich in diesem Buch (erneut) der Geschichte und der Theorie des Romans. In vielen, oft nur lose verbundenen, kleinen Kapiteln skizziert er die Anfänge der Romanliteratur mit Rabelais "Gargantua und Pantagruel" und Cervantes, ihre Weiterentwicklung mit Fieldings "Tom Jones" und Sternes "Tristram Shandy" genauso wie die immer neuen Ansätze Flauberts, Kafkas, Musils und Brochs. Für Kundera ist der Roman eine zunächst europäische Literatur - und Kunstform, die sich mit den Grundfragen und den Erscheinungsweisen der menschlichen Existenz beschäftigt, diese unvoreingenommen und unbeeinflußt von Wissenschaft oder Ideologie aufzeigt und ergründet. Für Kundera existiert zwar ein Kontinuum der Literaturgeschichte, aber er konstatiert keine systematische Weiterentwicklung, sondern vielmehr die Entdeckung und "Eroberung" unbekannten Neulands durch einzelne, herausragende Autoren. Und dies ist für ihn auch zugleich programmatische Forderung. Anhand einzelner Romane, mit Anekdoten und Überlegungen setzt er sich mit dem Humor, der Ironie und der Komik als Sichtweise des Romans auseinander, ebenso wie mit dem Verlust oder gar dem Unterlaufen des Tragischen. Für ihn zeichnet sich der Roman durch seine beinahe vollkommene Unabhängigkeit und Freiheit aus, vom Formalen, von der Handlung (Sternes "Tristram Shandy" ist ein Roman, der hauptsächlich aus Abschweifungen von der eigentlichen Handlung besteht), von den strengen Vorgaben der Einheit von Zeit und Raum. Vehement wehrt er sich gegen den Hang, Literatur nur in einem nationalen Zusammenhang zu betrachten und (an den Universitäten) zu lehren. So ergeben sich bei einer Umfrage nach dem prägendsten französischen Buch (in Frankreich wurden Victor Hugos : "Die Elenden" an erster Stelle genannt) durchaus berechtigte Diskrepanzen zu der Sicht von außen auf die französische Literatur. Immer wieder fließen in Kunderas Betrachtung auch autobiographische Elemente und die politischen und kulturellen Entwicklungen in Europa ein. Nur selten verläßt er dieses Zentrum, bezieht Autoren wie Carlos Fuentes oder Alejo Carpentier in seine Ausführungen ein und erweitert damit die europäische Perspektive.
Für mich ist dieser Band - obwohl von literaturtheoretischen und - geschichtlichen Aspekten geprägt - alles andere als ein trockenes wissenschaftliches Kompendium zur Geschichte und zu den Wesensmerkmalen des Romans. Es ist eher ein mitreissendes, lebendiges Plädoyer für die Romanliteratur, für ihre Freiheiten und Möglichkeiten. Kundera arbeitet an einzeln Werken wesentliche Aspekte und Arbeitsweisen heraus, jedoch kaum in der Manier eines Lehrbuchs oder einer Abhandlung. Seine beinahe fragmentarisch wirkenden Texte beleuchten eine Art subjektiver, dennoch immer wieder einleuchtender Literaturgeschichte, eröffnen verlockende und ungewohnte Perspektiven auf bekannt geglaubte Romane der Weltliteratur, sodaß man einerseits Spaß beim Lesen hat, andererseits Lust bekommen kann, einige der vorgestellten und abgehandelten Bücher (noch einmal) zur Hand zu nehmen. Denn die Leichtigkeit des Stils und der immer unterschwellig vorhandene Zusammenhang der oft nicht stringent aufeinander bezogenen Kapitel ergeben ein unterhaltsames und den Geist beschäftigendes Ganzes. Daß bestimmte Autoren überhaupt nicht auftauchen, daß nach Carlos Fuentes "Terra Nostra" aus dem Jahre 1975 keine Romane mehr erwähnt und betrachtet wurden, mag Fachleute beschäftigen, verringert aber nicht das Lesevergnügen eines akademisch unbeleckten Lesers.
Für mich ist dieser Band - obwohl von literaturtheoretischen und - geschichtlichen Aspekten geprägt - alles andere als ein trockenes wissenschaftliches Kompendium zur Geschichte und zu den Wesensmerkmalen des Romans. Es ist eher ein mitreissendes, lebendiges Plädoyer für die Romanliteratur, für ihre Freiheiten und Möglichkeiten. Kundera arbeitet an einzeln Werken wesentliche Aspekte und Arbeitsweisen heraus, jedoch kaum in der Manier eines Lehrbuchs oder einer Abhandlung. Seine beinahe fragmentarisch wirkenden Texte beleuchten eine Art subjektiver, dennoch immer wieder einleuchtender Literaturgeschichte, eröffnen verlockende und ungewohnte Perspektiven auf bekannt geglaubte Romane der Weltliteratur, sodaß man einerseits Spaß beim Lesen hat, andererseits Lust bekommen kann, einige der vorgestellten und abgehandelten Bücher (noch einmal) zur Hand zu nehmen. Denn die Leichtigkeit des Stils und der immer unterschwellig vorhandene Zusammenhang der oft nicht stringent aufeinander bezogenen Kapitel ergeben ein unterhaltsames und den Geist beschäftigendes Ganzes. Daß bestimmte Autoren überhaupt nicht auftauchen, daß nach Carlos Fuentes "Terra Nostra" aus dem Jahre 1975 keine Romane mehr erwähnt und betrachtet wurden, mag Fachleute beschäftigen, verringert aber nicht das Lesevergnügen eines akademisch unbeleckten Lesers.
tinius - 11. Aug, 02:10








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