Aglaja Veteranyi : Warum das Kind in der Polenta kocht

Aus der Perspektive eines Kindes erzählt die Autorin zunächst von den Reisen ihrer Familie mit dem Zirkus quer durch Europa. Der Wohnwagen ist die (beengte) Heimat, die Gerüche nach rumänischen Speisen vermitteln ein Gefühl der Vertrautheit. Die Familie ist aus Rumänien in den Westen geflohen, die zurückgebliebenen Verwandten werden - wie der Onkel Petru - deswegen verfolgt, oder sie schreiben Bettelbriefe, damit sie von den Westflüchtlingen unterstützt würden, denn die sind ja im Land des unbegrenzten Wohlstandes angekommen. verdächtig sind die Verwandten allemal, denn : Nur wer ebenfalls geflohen ist, sei unverdächtig, für die Securitate zu spionieren. Die Mutter ist Artistin, hängt an den Haaren von der Zirkuskuppel, trinkt viel, neigt zu Hysterie, der Vater ein Clown, der seine andere, ältere Tochter, die Halbschwester, mißbraucht und mit einer Videokamera bizarre, teils gewalttätige Filme dreht. Die Erzählerin fürchtet, daß die Mutter verunglücken könne, und läßt sich nur dadurch beruhigen, daß ihre Halbschwester die Geschichte vom Kind in der Polenta erzählt, die nach und nach immer mehr an Grausamkeit zunimmt, je größer die ängste des Kindes werden. Schließlich werden die Kinder in ein Heim in der Schweiz gebracht. Hier sind sie fremd, gelten als Exoten und werden gemieden. Umso mehr als die jüngere Analphabetin ist. Als die Ehe der Mutter zerbricht, kommt die Halbschwester zum Vater, die Erzählerin zurück zu ihrer Mutter. Diese jedoch verunglückt bei einem Werbeauftritt schwer, sodaß der Zirkuskarriere ein Ende gesetzt ist....

Weder stilistisch noch vom Umfang ist dieses Buch ein Roman im eigentlichen Sinne. Mehr sind es assoziativ zusammengesetzte Prosafragmente, die allerdings ein recht geschlossenes Ganzes ergeben. Neben der Schilderung des Lebens finden sich knappe feststellungen über das Leben, Gott, die Fremde, Heimat und die Welt, dies alles aus der Sicht eines Kindes, später der Heranwachsenden. Diese Rollenprosa trägt und erweitert das Buch um eine wesentliche Dimension. Bei allem Bedrückenden der Lebensumstände, bei allen höchst problematischen Vorgängen in der Familie fehlt jeder Beigeschmack von Larmoyanz, ohne daß die Ängste der Tochter unter den Tisch fielen. Das Buch ist ein in erster Linie sprachliches Unterfangen der Autorin, der Vergangenheit und ihrer Angst, ihren Verletzungen Herr zu werden. Beinahe spielerisch geht sie mit Sprache um, an das Geschehen heran, so, als spiele ein Clown mit einfachsten Mitteln, die ja selten so einfach sind, wie sie wirken, die Wirklihkeit nach. Aglaja Veteranyi galt nicht ungefähr bis zu ihrem Tod als eine Hoffnungsträgerin der deutschsprachigen Literatur. Noch vor Veröffentlichung des hier besprochenen Buches hatte sie mit dem Schreiben eines zweiten - " Das Regal der letzten Atemzüge" - begonnen, das an die hier verarbeiteten Geschehnisse und Befindlichkeiten anknüpfte. Dieses Buch, inzwischen beendet, fand erst posthum seinen Weg in die Öffentlichkeit.

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