Peter Handke : Don Juan (erzählt von ihm selbst)

Der Ich - Erzähler und Chronist lebt beinahe vereinsamt im Pförtnerhaus einer ehemaligen Klosteranlage auf der Ile de France. Einst hatte er dort versucht, ein Gasthaus zu betreiben, doch der nahegelegene Ort hat sich geleert, und auch die Touristen sind selten geworden. Besuch erhält er nur selten vom Dorfgeistlichen der benachbarten Gemeinde. Und so arbeitet er im Garten oder liest, zunehmend lustlos, bis eines Tages Don Juan auf der Flucht vor einem Paar, das er beim Liebesakt beobachtet hatte, in die Abgeschiedenheit einbricht. An den nun folgenden sieben Tagen erzählt er die Erlebnisse des jeweils eine Woche zurückliegenden Tages, und der Chronist gibt sie dem Leser wieder. Don Juan, bei Handke ein Vater, der um ein totes Kind trauert, ist ein ruhelos Getriebener, einer der beobachtet und zählt und zunächst fast ohne Beziehungen seine Umwelt wahrnimmt. Am ersten Tag seiner Reise, während eines Aufenthaltes in der Nähe von Tiflis, trifft ihn auf einer Hochzeitsfeier der Blick einer Frau, nämlich der Braut. Don Juan wird dadurch aus seiner Lethargie gerissen, und nun beginnt seine "Frauenzeit". Begünstigt durch den Aufruhr um eine verschluckte Gräte kommt er in die Nähe der Braut und die beiden genießen einen Augenblick der vollkommenen Übereinstimmung und Harmonie, der jedoch bald wieder beendet ist. Don Juan übergibt die Braut wieder ihrem Ehemann, auch wenn diese mit der Entwicklung gar nicht zufrieden ist. Don Juan jedoch weiß, daß das vollkommene Einssein nur einen Moment, selten länger andauert. Sein Diener, ein namenloser Georgier, hat inzwischen eine recht häßliche Frau verführt, die zu allem Überfluß im Dorf als geistig behindert gilt. Dieser Tabubruch bringt die anderen Hochzeitsgäste in Rage, sodaß er überhastet fliehen muß. Weitere sechs Begegnungen an sechs verschiedenen Orten der Welt schildert Don Juan seinem Zuhörer, in Damaskus, in Ceüta, der spanischen Enklave auf dem Staatsgebiet von Marokko, im norwegischen Bergen, in Holland und zuletzt in einem namenlosen Land. Immer weniger Einzelheiten erzählt Don Juan, und immer weniger Einzelheiten gibt der Erzähler an den Leser weiter von Don Juans Reisen und Begegnungen. Immer mehr konzentriert sich das Buch auf den Augenblick der Begegnung und des Erkennens, der manchmal nur Sekunden währt, manchmal eine Nacht, und unweigerlich endet. Es ist immer wieder ein kurzer Zeitraum der absoluten Übereinstimmung und des Gleichklanges, den herstellen zu können Don Juans eigentliche Macht und Gabe ist. Dann aber geht der Aufenthalt Don Juans im Garten des Erzählers zuende....

Handke zu lesen ist allein wegen seiner Sprache ein Genuß. Er hat Fähigkeiten entwickelt, Wortwahl und Erzählfluß so harmonisch und in großen Teilen bedächtig ineinanderzufügen, daß ein Text ein ästhetisches Vergnügen darstellt. Dies liegt bestimmt nicht jedem Leser, zumal dann nicht, wenn er eine stringente, detailliert geschilderte Handlung gewohnt ist und bevorzugt. Immer mehr verzichtet Peter Handke im Laufe der Erzählung auf Aktion und Handlungselemente. Einzelheiten verlieren sich in einem stilistisch und ästhetisch meisterhaft gestalteten Textgewebe, das sich jedoch niemals zu einem sinnentleerten l´art pour l´art - Gebilde entwickelt, sondern das Thema "Liebe" zu fassen und zu deuten versucht. Dieser Don Juan ist nicht der, der bislang in Geschichten, Opern oder im Theater dargestellt worden ist, und vor allem nicht der, der als Archetyp für die Beschreibung mancher auch heutiger Menschen herhalten mußte. Er ist jemand, der weder verführt noch verführt wird, sondern einer, dessen Augen Erkennen (auch im biblischen Sinn) und Selbsterkenntnis ermöglichen. Auch auf anderen Ebenen ist das Buch durchaus vielschichtig : so spielt Handke auf den Mythos von Odysseus an, einer, der niemals in seiner Heimat anzukommen scheint, einer auch, der auf Ithaka ausgesetzt, seine Heimat zunächst nicht erkennt und recht orientierungslos umherirrt. Dazu kommt eine ausgefeilte Erzähltechnik, die sich auf mehreren Ebenen bewegt, ohne daß die Einheitlichkeit des Textes gesprengt würde. Der Erzähler don Juan erzählt über sein Leben einem Chronisten, der eben diese Erzählung an den Leser - noch einmal gebrochen durch den Autor Handke - weitergibt. Und vielleicht ist nicht einmal die einmalige Lektüre ausreichend, um das ganze Spektrum dieses Kunstwerkes ausleuchten und erfassen zu können. Aber eben das sprachliche und künstlerische Geschick des Schriftstellers lassen ein erneutes Lesen in einigem Abstand zumindest mir durchaus verlockend erscheinen.
Gregor Keuschnig - 22. Aug, 23:05

Schöne Besprechung!


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Zuletzt aktualisiert: 20. Aug, 15:40

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