Arno Geiger : Es geht uns gut

Philipp Erlach erbt 2001 das Haus seiner verstorbenen Großmutter in einem Wiener Nobelbezirk. Der Dachboden ist von Tauben und deren sterblichen Überresten vollkommen verdreckt, die Zimmer stehen voll mit den Möbeln und Überbleibseln seiner Familie. So beschließt er - vollkommen desinteressiert an seiner Familie und deren Geschichte -, das Haus zu entrümpeln. Da er selbst nicht im geringsten praktisch veranlagt ist, heuert er zwei Schwarzarbeiter an, die die gröbsten Arbeiten für ihn erledigen sollen, sich aber bald mehr mit dem schwunghaften Handel der entsorgten Familienhinterlassenschaften befassen. Auch die Bemühungen Philipps, sich der Vergangenheit und seiner Familie zu entledigen, bleiben unerfüllt, denn diese bleiben lebendig : immer wieder melden sich die Verwandten zu Wort, schildern an jeweils einem Tag der vergangenen 63 Jahre ihr Leben, ihre Befindlichkeiten, die mit der österreichischen Geschichte mehr oder minder eng verflochten sind. Richard, Philipps Großvater, christlich und sozial orientiert, wird durch den Einmarsch der Nationalsozialisten in seinen politischen Ambitionen gebremst. Erst nach dem Krieg geht seine Karriere voran, Er wird Minister und ist an der Verhandlung des Staatsvertrages, der Österreich die Existenz als eigenverantwortlicher Nationalstaat ermöglicht, maßgeblich beteiligt. Doch schon in den sechziger Jahren haben sich die Vorzeichen geändert. Die Politiker der nächsten Generation sind mehr am Machterhalt der Parteien als am Gemeinwohl interessiert. Und Richard muß sein Amt aufgeben. Alma, die auf Drängen ihres Mannes das ererbte Familiengeschäft hatte aufgeben müssen, hat schweres zu verkraften : nicht nur die Untreue Richards, sondern den Tod ihres Sohnes Otto, der als Hitlerjunge bei der Verteidigung Wiens fiel, später auch den Tod ihrer Tochter Ingrid, die bei einem Badeunfall ums Leben kommt. Nach dem Ende der Laufbahn ihres Mannes zieht der sich immer mehr zurück und wird in späten Jahren zunehmend seniler und dementer. Ingrid, die sich in Peter, den künftigen Vater Philipps, verliebt hatte und ihre Liebe in schweren familiären Konflikten gegen den Vater hatte verteidigen müssen. Doch auch diese Ehe bleibt keineswegs krisenfrei. Ingrid ist eine erfolgreiche Ärztin und erwartet, bestärkt durch die beginnende Frauenbewegung, daß sich Peter an Erziehung und Haushalt beteiligt, während dieser durchaus patriarchalische Einstellungen kultiviert. Auch er war einst Hitlerjunge gewesen, war verwundet worden. Nach dem Krieg hatte er ein - fast unverkäufliches - Spiel erfunden und dann eine Laufbahn als Beamter der Verkehrsbehörde begonnen. Und so hat der Autor eine Familiengeschichte über drei Generationen und über einen Zeitraum von 63 Jahren entworfen.

Die Konstruktion ist ungewöhnlich und gewagt, aber sie funktioniert dennoch hervorragend. Eingebettet in die Entrümpelungsaktion des als Charakter, nicht als Figur, blaß bleibenden Philipp, gewinnen die Familienmitglieder Kontur und Leben. Insbesondere die weiblichen Verwandten werden lebendig und kommen dem Leser unvermittelt nah. Jede der Personen hat mit seinen eigenen Schwierigkeiten zu kämpfen, und das Aufeinandertreffen dieser so unterschiedlichen Menschen und Probleme schafft immer neue Konfliktlinien innerhalb der Familie. Und so mag Philipps Desinteresse, ja eher noch Abneigung, sich mit seiner Familie zu beschäftigen, nicht nur ein generationstypisches Phänomen, sondern durch seine Erlebnisse wenigstens teilweise nachvollziehbar sein. "Es geht uns gut" ist ein leicht ironischer, aber zumindest vieldeutiger Titel für diesen Familienroman, denn, mag man sich auch arrangiert haben mit der Wirklichkeit und dem Schicksal, also eine Art Zufriedenheit entwickeln können, ist es doch weit entfernt von der harmonischen und erträumten Glücksvorstellung, die einem der Begriff "Familie" suggerieren könnte. Und ebenso legt diese oberflächliche Phrase - eine eher stereotype Antwort auf die Frage nach dem Befinden von eher entfernten Bekannten - den Blick frei auf das Untergründige, das Verschwiegene oder den Verzicht. Die österreichische Geschichte ist in diesem Roman niemals nur Kulisse oder Schablone, sondern duch Ereignisse und gesellschaftliche Strömungen eng verwoben mit den Personen und ihren Entwicklungen, Meinungen und Handlungen. Für mich - beinahe zum Abschluß des Jahres - eines der Highlights in den Leseerfahrungen des Jahres 2005, das ich gern jedem ans Herz legen möchte.

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