Karen Duve : Dies ist kein Liebeslied
Anne Strelau ist Anfang dreißig, als sie sich in ein Flugzeug nach London setzt, um den Mann wiederzutreffen, den sie mit 18 Jahren geliebt hatte, der diese Liebe allerdings nie erwidert hatte. Inzwischen wiegt Anne, die sich seit ihrer Kindheit stets als zu dick empfunden hatte, 117 Kilogramm. Während des Fluges läßt sie ihre Kindheit und ihre Jugend Revue passieren. Anne wächst in einer kleinbürgerlichen Familie in einer Hamburger Vorstadt auf. Das Familienleben ist geprägt durch geschwisterliche Konkurrenzkämpfe und eine gewisse Unnahbarkeit der Eltern. Annes erster Freund Axel, mit dem sie eine Frosch - Klinik betreibt, wird zum Problem, als er jeden hemmungslos umarmt und dabei würgt. Sie gibt ihm denm Laufpass und flüchtet sich in Nascherei. Bald empfindet sie sich als zu dick, wird in der Schule gemieden. Aus den folgenden Diätversuchen entwickelt sich nach und nach eine Bulimie, ohne daß ihr Abnehmen für die gewünschte Anerkennung oder Liebe sorgen würde. Zwar geht sie in den höheren Klassen immer wieder Beziehungen ein, passt sich widerspruchslos den Wünschen der Jungen an, aber sie wird immer enttäuscht. Selten ist sie mehr als eine Projektionsfläche, und oft genug wird die Sexualität zum Debakel. Dann verliebt sie sich in Peter. Doch der ist nicht sonderlich interessiert an ihr. Als sie miteinander schlafen, passiert das, als er gerade einmal keine Freundin hat. Weitere Konsequenzen hat es nicht, und Anne kann sich nicht mehr erinnern, wie es gewesen ist. Sie beginnt eine Ausbildung als Finanzbeamtin, bricht sie jedoch ab, nachdem sie ein erstes Mal in der Prüfung scheitert. Mit dem Zusammenbau von Hundeleinen und später mit Taxifahren hält sie sich über Wasser. Um endlich festen Grund zu finden, beginnt Anne eine Therapie, allerdings scheint der Therapeut mehr an seinem Milchkaffee als an den Problemen seiner Patientin interessiert. So glaubt sie, daß ihr Flug nach London und die Begegnung mit Peter alles ins Lot bringen könnte....
Dieser in Teilen autobiographisch beeinflußte Roman ist eigentlich zutiefst pessimistisch. Das Leben von Anne Strelau bewegt sich von einem Fiasko zum nächsten. Hinter (Selbst-) Ironie und Sarkasmus verbirgt sich ein verstörendes Mädchen - und Frauenschicksal, das einem ab und an das Lachen im Halse stecken bleiben läßt. Auf der anderen Seite ist es eben dieser ironische und humorvolle Tonfall des Romans, der den Leser am Lesen hält und ihm eine sehr unterhaltsame Lektüre bietet. Gelungen sind vor allem die Rückblicke auf Kindheit und Jugend der Protagonistin, während die Gegenwart, die nur einen geringen Teil des Romans einnimmt, weniger ansprechend wirkt. Anne Strelau ist etwa fünf Jahre nach der Autorin geboren. Sie wächst vor allem in den siebziger und achtziger Jahren auf, sodaß es nicht verwundert, daß ich (geboren 1960) einiges Vertraute in den Schilderungen dieser Zeit wiedergefunden habe. Seien es Musiktitel oder der Brauch, daß jungen oder Männer für ihre Freundinnen Musikstücke nach ihrem persönlichen Geschmack (oder zur Beeinflussung) auf einer Cassette zusammenstellten. Für mich ist es ein lesenswerter, unterhaltsamer Roman, der trotz allen Desastern der Protagonistin ihre Würde beläßt und niemals voyeuristisch oder denunzierend gerät. Anne bleibt sympathisch und wirkt an keiner Stelle larmoyant, auch wenn es sehr zweifelhaft bleibt, ob sie sich jemals aus ihren Problemen wird befreien können.
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Die entführte Prinzessin
Dieser in Teilen autobiographisch beeinflußte Roman ist eigentlich zutiefst pessimistisch. Das Leben von Anne Strelau bewegt sich von einem Fiasko zum nächsten. Hinter (Selbst-) Ironie und Sarkasmus verbirgt sich ein verstörendes Mädchen - und Frauenschicksal, das einem ab und an das Lachen im Halse stecken bleiben läßt. Auf der anderen Seite ist es eben dieser ironische und humorvolle Tonfall des Romans, der den Leser am Lesen hält und ihm eine sehr unterhaltsame Lektüre bietet. Gelungen sind vor allem die Rückblicke auf Kindheit und Jugend der Protagonistin, während die Gegenwart, die nur einen geringen Teil des Romans einnimmt, weniger ansprechend wirkt. Anne Strelau ist etwa fünf Jahre nach der Autorin geboren. Sie wächst vor allem in den siebziger und achtziger Jahren auf, sodaß es nicht verwundert, daß ich (geboren 1960) einiges Vertraute in den Schilderungen dieser Zeit wiedergefunden habe. Seien es Musiktitel oder der Brauch, daß jungen oder Männer für ihre Freundinnen Musikstücke nach ihrem persönlichen Geschmack (oder zur Beeinflussung) auf einer Cassette zusammenstellten. Für mich ist es ein lesenswerter, unterhaltsamer Roman, der trotz allen Desastern der Protagonistin ihre Würde beläßt und niemals voyeuristisch oder denunzierend gerät. Anne bleibt sympathisch und wirkt an keiner Stelle larmoyant, auch wenn es sehr zweifelhaft bleibt, ob sie sich jemals aus ihren Problemen wird befreien können.
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Die entführte Prinzessin
tinius - 11. Aug, 01:36








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