Giuseppe Pontiggia : Zwei Leben

Ich - Erzähler und einer Protagonisten dieses Romans ist der Lehrer Frigerio. Während der Geburt seines Sohnes Paolo treten Komplikationen auf, und zögerliches und inkompetentes Handeln der Ärzte bewirken einen zeitweiligen Sauerstoffmangel. Folge ist eine spastische Lähmung. Der Vater, nicht unbeeinflusst von Schuldgefühlen, denn er hatte schon während der Schwangerschaft seiner Frau eine Geliebte, kann den Zustand des Jungen nur schwer akzeptieren. Eine Irrfahrt zu verschiedenen Ärzten und Fachleuten beginnt, doch nur wenige sind bereit, die schonungslose Wahrheit über die Unabänderlichkeit der Behinderung zu eröffnen. Eine gezielte und liebevolle Förderung würde die Lebensbedingungen von Paolo zwar erleichtern, jedoch die Probleme des Kindes nicht grundlegend ändern. Frigerio hat weit mehr Schwierigkeiten als seine Frau, sich damit abzufinden, und so kommt es ab und an zu quälenden Szenen, wenn der Vater vom Kind Unmögliches verlangt. Und immer wieder ist er gefordert, gegen Bürokratie und starre Strukturen anzugehen, um etwa die schulische Integration seines Sohnes durchzusetzen oder ihn anderweitig zu fördern. Meist hält er sich aber in der Familie zurück, schwänzt die Theateraufführungen in der Schule seines Kindes und verläßt sich ganz auf seine Frau. Erst spät erkennt er die positive Entwicklung von Paolo, und nur langsam werden ihm die Klugheit und die angenehmen Charaktereigenschaften von Paolo vollkommen bewußt, sodaß er lernt, die vorgegebenen Grenzen zu akzeptieren und auch zu respektieren. Nicht zuletzt der unvoreingenommene, natürliche Umgang von Paolos Freunden mit seinem Sohn kann ihn einiges lehren....

In mehreren kleinen Kapiteln schildert der Ich - Erzähler Schlüsselerlebnisse im Leben der Familie. Dies Kapitel sind immer allerdings auch mehr : ein innerer Dialog mit seinem heranwachsenden Sohn, Reflektion, essayistische Betrachtung über Behinderung, Diskriminierung und eine christlich geprägte Moral. Diese Form macht das Buch für mich manchmal ein wenig sperrig und abgehackt, andererseits sind die Erlebnisse und Ausführungen für mich immer wieder nachvollziehbar und bieten mir (ich bin ja selbst körperbehindert) doch einen recht hohen Wiedererkennungswert, was nicht immer angehme ist. Pontiggia bleibt dabei nicht nur ernst, sondern manches wird mit humorvollem Ton erzählt, so etwa die Theateraufführung gegen Ende des Buches, nachdem der Vater sich dann doch hatte aufraffen können, dort hinzugehen. Zwei Leben werden hier abgebildet, und das im zweifachen Sinne : das Leben des Vaters und des Sohnes einerseits und das zweite Leben des Sohnes, das durch konsequente Förderung und die Anerkennung auch der durch die Behinderung gegebenen Grenzen und die Entwicklung seiner durchaus eigenständigen Persönlichkeit gewonnen wurde. Pontiggias Buch ist ein Plädoyer für die Integration von Behinderten in diese Gesellschaft, ohne von ihnen immer wieder Unmögliches zu verlangen, ohne eine Überschreitung ihrer Grenzen und Möglichkeiten zu fordern, schlicht, einen Menschen so wahrzunehmen, wie er ist. Ich finde das Buch lesenswert, interessant und berührend, und wenn man sich auf das Fehlen eines von anderen Romanen gewohnten Erzählflusses eingerichtet hat, auch fesselnd.

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