Stefano Benni : Der Zeitenspringer

In seinem autobiographisch beeinflußten Roman schildert der Autor die Kindheit und das Heranwachsen des jungen "Saltatempo" in einem kleinen Ort in der Nähe von Bologna. Der Ich - Erzähler wächst in den fünfziger Jahren unter der Ägide seines Vaters auf, die Mutter ist früh verstorben. Viele der Dorfgemeinschaft sind ehemalige Partisanen, die Widerstand gegen Mussolini geleistet haben, nun kleine Handwerker, Landwirte und Gewerbetreibende, und immer noch politisch links. Saltatempo, dessen wirklichen Namen man nie erfährt, wächst in einer natürlichen, unzerstörten Landschaft auf, die neben Bäumen und Flüssen, Hügeln und Wiesen auch magische Elemente ihr eigen nennt. So begegnet Saltatempo einem Gott, der ihm die Gabe des "Uhrbiwerks" verleiht, die Fähigkeit nicht nur die realen Zeitabläufe, sondern auch die ihm eigene "innere" Zeit wahrzunehmen, die ungehindert in die Vergangenheit und in die Zukunft springen kann. Dies scheint auch nötig, denn die Zeiten ändern sich, als das italienische Wirtschaftwunder auch auf den kleinen Ort übergreift. Ein ehrgeiziger und am Profit orientierter Bürgermeister begünstigt den Autobahnbau, läßt das naturbelassene Gelände nach und nach zu Bauland für touristische Nutzung erschließen und verdient unter der Hand kräftig daran. Auch andere zwielichtige Gestalten finden den Weg in den Ort, es werden Drogen verkauft, Schläger bewachen den Bürgermeister und die neu gebaute Fabrik. Nach der Grundschule muß auch Saltatempo Veränderungen hinnehmen : die weiterführenden Schulen liegen in der entfernten Stadt, sodaß er nur am Abend, später nur am Wochenende ins Dorf zurückkehren kann. Nur die Freundschaft und beginnende Liebe zu Selene macht es ihm ein wenig leichter, denn die ist mit ihren Eltern in die Stadt gezogen und lernt eifrig, um später Medizin zu studieren. Saltatempos Vater verliert immer mehr Aufträge an mittelständische Unternehmen, die vom Bürgermeister begünstigt werden, beginnt zu trinken, und Vater und Sohn entfremden sich immer weiter. Saltatempo gerät in die politische Aufbruchstimmung der beginnenden Achtundsechziger. Es gibt Debatten, Vorträge von leibhaftigen Arbeitern oder einem zum Philosophen ummaskierten Clochard. Höhepunkt ist die Schulbesetzung, in der drei verschiedene politische Fraktionen die unterschiedlichen Stockwerke besetzt halten, bis die Polizei allesamt räumt. Die Bindung zu Selene wird enger, ist aber nicht von Rückschlägen frei. Die Freundschaften in seinem alten Dorf jedoch werden problematisch, denn einer seiner Freunde ist drogenabhängig, der andere ist Drogenhändler geworden. Durch die rücksichtslosen Baumaßnahmen hervorgerufen, kommt es zu einem verheerenden Erdrutsch, der einige Menschen tötet und etliche Häuser zerstört. Bei den Rettungsarbeiten kommt der Vater ums Leben, und Saltatempo schmiedet Rachepläne gegen die Verursacher. Sogar einen Revolver weiß er, zu finden....

Dieser Roman von Stefano Benni hat - im Gegensatz zu anderen Werken von ihm - mehr als ernste Untertöne. Zwar sind Selbstironie und ein Augenzwinkern immer präsent, doch kommen Bennis ansonsten doch anarchischer, surrealistischer Humor, seine äußerst böse Satire nur selten zum Einsatz. Wir haben es mit einem den Charakter des Buches bestimmenden Entwicklungsroman über das Erwachsenwerden eines Jungen im ländlich geprägten Italien zu tun, bereichert durch magische Momente und eine romantische, ernsthafte Liebesgeschichte. Wirklich herzhaft zum Lachen anregende Passagen finden sich vor allem dann, wenn er die revoltierende achtundsechziger Jugend, ihre Debatten und Aktionen mit spitzer Feder aufs Korn nimmt. Mag sein, es liegt an den Erwartungen, die man bei Büchern von Benni hegt, aber eine leichte Enttäuschung bleibt nicht aus. Mir bleibt das Gefühl, einem Drahtseilakt zugesehen zu haben, bei dem der Seiltänzer einge Male unabsichtlich leicht ins Schwanken geriet, ohne aber das Schauspiel denn doch ernsthaft zu gefährden. Seine Charaktere, vor allem die älteren Dorfbewohner sind liebevoll überzeichnet, transportieren aber ein heimeliges Gefühl von Zusammengehörigkeit und kauzigem Miteinander. Andere Personen, die Anwälte etwa, die sich gegen die Machenschaften im Dorf zur Wehr setzen sollen, werden durch einen Blick in die Zukunft, den ja das "magische" Uhrbiwerk Saltatempo immer wieder bietet, zumindest relativiert : der engagierte Junganwalt wird irgendwann ausgebootet, die Seniorpartner, noch ganz der linken Sache verbunden, rücken immer weiter ins rechte Lager. Daß es aber schon vorher nicht opportun erscheint, die Interessen des Dorfes und des Jungen engagiert wahrzunehmen, zeigt sich schon bald. Wirklich halt gibt dem "Zeitenspringer" (=Saltatempo) die nicht unkomplizierte Liebe zu Selene, einer ehemaligen Schulkameradin der ersten Zeit, die er erst als Touristin im Heimatort wiedertrifft und später in den gemeinsamen Jahren in der Stadt lieben lernt, zunächst schwankend von Eifersucht zu Begierde, aber dann doch fähig wird, ihre Charakterstärken und Eigenheiten wirklich zu schätzen. An ihr reift die Persönlichkeit des Protagonisten, nicht geradlinig, aber doch stetig. Es ist ein unterhaltsamer Roman mit ernstem zeitgeschichtlichen Hintergrund, der aber - gerade in Italien - nichts an Aktualität verloren hat. Bennis selbstironischer Ich - Erzähler ist angenehm, menschlich und macht auch manche verunglückt scheinende Wortspiele vergessen.

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