Natalia Ginzburg : Familienlexikon

In ihren Erinnerungen erzählt die Autorin von ihrer Familie, ihrem Leben in Turin und der Konfrontation mit dem Faschismus, die mit der Besetzung durch die Deutschen noch einmal bedrohlicher wird. Wir begegnen dem polternden, sich patriarchalisch gebenden Vater, einem Anatomieprofessor, der die Familie mit Gewaltmärschen in den Bergen traktiert, ihm nicht passendes Benehmen oder mangelndes Verständnis mit Vokabeln wie "Simpeleien" oder "Negereien" bewertet, letztlich aber nicht viel mehr als ein Papiertiger ist, der laut faucht, sich aber selten wirklich durchsetzen kann. Die Mutter hingegen gewöhnt sich nur schwer an neue Situationen, jeder Umzug, jede Veränderung macht sie zunächst traurig und unzufrieden, bis sie sich dann doch in das Neue hineinlebt. Trennungen akzeptiert sie nur widerwillig, umso mehr als sie nicht in der Lage ist, Beziehungen über eine größere räumliche Instanz aufrechtzuerhalten. Sie hat eine gute Beziehung zu Natalina, dem Dienstmädchen, zu Rina, der Schneiderin, mit denen sie nicht selten angeregte Stunden bei Arbeit und Plauderei verbringt. Vater und Mutter sympathisieren mit den Sozialisten und lehnen die faschistische Regierung unter Mussolini ab. Ihr Freundeskreis sind ebenfalls Sozialisten oder deren Sympathisanten, darunter der Ingenieur Olivetti, der durch seine Schreibmaschinenfabrik zu Wohlstand gekommen war. Sie sind auch daran beteiligt, sozialistischen Politikern die Flucht ins Ausland zu ermöglichen, allerdings sonst nicht weiter im Widerstand aktiv. Auch von den Verwandten der Eltern erzählt Natalia Ginzburg, die seltenen Begegnungen, oft auch nur Anekdotisches, das sich in Aussprüchen manifestiert, die unabhängig von den Situationen, in denen sie entstanden waren, zu stehenden Begriffen, zu Parolen geworden sind, die die Zusammengehörigkeit, den gleichen Erfahrungsschatz der Familie ausdrücken. Erst Natalias Brüder, die ihre Freunde unter eher radikaler denkenden jungen Menschen gefunden haben, beteiligen sich an Aktionen gegen die Regierung oder geraten in deren Dunstkreis mit unter Verdacht. Untereinander eher kaum verbunden stellen sie fest, daß sie dieselben Freunde haben und so treffen sie im Freundeskreis beinahe häufiger aufeinander als in der elterlichen Wohnung. Doch das politische Engagement birgt nicht geringe Gefahren. Der älteste der Brüder, Mario, muß in die Schweiz fliehen, als er beinahe mit antifaschistischen Flugblättern verhaftet wird. In Frankreich wird er bis zum Kriegsende bleiben. Der Vater und die Brüder werden verhaftet und müssen einige Zeit im Gefängnis verbringen. Als ein Freund der Brüder gefasst wird, muß Alberto, der Arzt werden will, in die Verbannung in ein kleines Dorf weitab von Turin. Erst viel später kann er sein Studium fortsetzen und als Arzt praktizieren. Natalia, die inzwischen Literatur studiert, lernt Giulio Einaudi kennen, der in Turin einen Verlag gründet, an dem Schriftsteller wie Carlo Levi und Cesare Pavese mitarbeiten. Hier lernt Natalia auch Leone Ginzburg kennen und lieben. Der wird wegen seines politischen Engagements in ein Dorf in die Abbruzzen verbannt. Natalia teilt sein Schicksal mit den gemeinsamen Kindern. Als die Deutschen Italien besetzen, arbeitet Natalias Vater gerade in Lüttich und wagt es - nicht zuletzt wegen seines jüdischen Glaubens - zwei Jahre lang nicht, in die Heimat zurückzukehren. 1944 wird Leone Ginzburg verhaftet und in einem römischen Gefängnis unter deutscher Aufsicht getötet. Natalia kehrt aus der Verbannung nach Turin zurück, findet mit ihren Kindern Unterschlupf bei der Mutter und arbeitet als Lektorin im Einaudi - Verlag. Die Familie ist weit verstreut, und nur wenige Bekannte und Freunde sind geblieben, denn viele wurden verhaftet, gingen ins Exil oder haben sich den Verhältnissen angepaßt....

Natalia Ginzburg ist eine genaue, akribische Beobachterin. Dennoch entstand kein praller, farbenprächtiger Familienroman oder ein lebendiges Erinnerungsbuch, wie man es in anderen Fällen gewohnt wäre. Die Autorin beschränkt sich auf den nüchtern - sachlichen Bericht, auf detailliert gezeichnete Skizzen, Beobachtungen und Anekdoten, ohne daß sie jemals in Versuchung gerät, zu interpretieren oder zu psychologisieren. So fällt auf, daß es nur wenige präzise zeitliche Wegmarken gibt, daß sie selbst kaum in Erscheinung tritt, sondern meist die anderen Mitglieder der Familie im Blickpunkt stehen. Und nicht weniger auffällig sind die Kargheit, die Sachlichkeit und Selbstbeschränkung ihrer Sprache, erklärbar durch einen tiefwurzelnden Skeptizismus gegenüber den bürgerlichen Phrasen ebenso wie den faschistischen Parolen, denen sie in Kindheit, Jugend und jungem Erwachsenenalter ausgesetzt war. Und doch ergibt sich wie bei einer Patchworkdecke ein Gesamtbild nicht nur der Familie, sondern auch des Freundeskreises, der Turiner Gesellschaft insgesamt. Es erscheint uns ein präzises, kaum interpretiertes Abbild Turins in den dreißiger und vierziger Jahren während der Herrschaft Mussolinis und der nachfolgenden deutschen Besetzung. Und ebenso interessant ist das Auseinandertreiben der Familie durch die Wechselfälle des Lebens und die immer wieder wirksam werdenden politischen Folgen der italienischen Zeitgeschichte. Am Ende gibt es untereinander nur noch wenige intakte Verbindungen; nur eines eint sie noch, läßt die Zusammengehörigkeit und damit die einstige Nähe wieder aufleben : das "Familienlexikon", die immer wieder erzählten stehenden Redensarten der Verwandten, die wie ein Erkennungszeichen ausgetauscht werden. Wiewohl meistens eher sachlich, berichtend, ist in diesem Buch auch nicht selten Humor spürbar, etwa wenn der grantelnde und autoritär erscheinende Vater als eher nur bellender Hund enttarnt wird. Charaktere und die ungewohnte, aber reizvolle Erzählweise tragen zu einer interessanten und bereichernden Leseerfahrung bei, die ich gerne weiterempfehlen möchte.

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Zuletzt aktualisiert: 20. Aug, 15:40

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