Henry Louis Gates jr. : Farbige Zeiten

In seinen Erinnerungen schildert Henry Louis Gates, jr. seine Kindheit und Jugend in der kleinen Ortschaft Piedmont in West Virginia. Zentrum des Ortes war eine Papiermühle, die den Bewohnern Arbeit gab. Als Facharbeiter, Bürokräfte und leitende Angestellte wurden ausschließlich Weiße beschäftigt, die Farbigen - etwas über 300 gab es Anfang der fünfziger Jahre dort - wurden ausschließlich als Lagerarbeiter beschäftigt. Auch im privaten Bereich gab es wenige Berührungspunkte zwischen Weißen und Schwarzen, begünstigt durch die strikten Regelungen der Rassentrennung, selbst wenn man nebeneinander wohnte. Die afro - amerikanischen Bewohner blieben lieber unter sich, bildeten eine Gemeinschaft. Die alltäglichen Begegnungen mit Weißen waren geprägt von Angst, Mißtrauen, Hass und Unterwürfigkeit, sodaß Konflikte selten ausbrachen. Einige Jahre nach der Geburt von Henry Louis wurde die Rassentrennung zunächst in den Schulen aufgehobenb, nicht selten mißtrauisch beobachtet von den Generationen der Farbigen, die noch in rein schwarzen Schulen ausgebildet worden waren. In der schwarzen Community bestimmen der Fernseher, Klatsch und Tratsch und die Bemühungen, das Haar mit den verschiedensten Methoden zu glätten, den Alltag. Entwicklungen wie die Bürgerrechtsbewegung, Diskussionen über schwarzes Selbstbewußtsein finden kaum den Weg in die kleine Stadt. Henry ist einer ersten, der von Beginn an in einer gemischtrassigen Schule unterrichtet wird. Auch hier gibt es nur schwer zu überwindende Grenzen, so kann sein älterer Bruder einen Wettbewerb nicht gewinnen, weil das Hotel, in dem die Preisträger für die nächste Runde untergebracht werden, keine Afro - Amerikaner aufnimmt. Die Freundschaft zu einem weißen Mädchen endet für Henry mit dem Einsetzen der Pubertät. Jedoch entwickelt sich Henrys Selbstbewußtsein recht deutlich, und er wagt es auch, Weißen zu widersprechen. Seine Eltern bieten ihm in solchen Fällen auch Rückhalt und Unterstützung. Doch ansonsten ist das Verhältnis zwischen Henry und seinen Eltern eher schwierig. Der Vater hält sich lieber an den sportbegeisterten älteren Bruder, Henry kann wegen einer Behinderung da kaum mithalten, die Mutter entwickelt schwere Depressionen. Am Ende der sechziger Jahre ändert sich einiges in Piedmont : Beeinflußt von Malcolm X und den Diskussionen um ein schwarzes Selbstbewußtsein, bleibt auch die schwarze Community nicht mehr länger unberührt von den Entwicklungen in den restlichen Vereinigten Staaten. Der Afro - Look hält Einzug in das Städtchen, die letzten Bastionen der Rassentrennung werden geschliffen - und Henry ist einer der Vorreiter....

"Farbige Zeiten" ist ein höchst interessantes und informatives Buch, das das Leben in einer Kleinstadt im Süden der USA detailgetreu und lebendig abbildet. Allerdings ist der Verfasser Wissenschaftler und Sachbuchautor, sodaß sich für mich doch einige Schwierigkeiten in der Erzählweise ergaben. So gab es ein eher verwirrendes Kapitel über die Familien mütterlicher - und väterlicherseits, zum anderen neigte Gates dazu, ab und an sein Thema abrupt zu wechseln. Fast die ganze erste Hälfte der Erinnerungen beschäftigt sich beinahe ausschließlich mit dem Leben der schwarzen Gesellschaft in Piedmont, deren Eigenheiten und Strategien. Erst in der zweiten Hälfte entwickelt sich eine stringente Schilderung seines eigenen Lebens, seiner Entwicklung. Und da auch werden die Personen lebendiger. Die Aufhebung der Rassentrennung hat für Gates zwei Aspekte : zum einen die zumindest teilweise Aufhebung von Benachteiligungen, im ländlichen West Virginia ein zäher und langsamer Prozeß, zum anderen aber der damit einhergehende Zerfall der durch die Rassentrennung begünstigten gemeinschaftlichen Strukturen unter den schwarzen Einwohnern Piedmonts. Immer wieder wird die leise Melancholie des Autors spürbar, wenn er an diese Auflösung der ihm wohl vertrauten und Geborgenheit versprechenden Strukturen denkt, ohne allerdings einer freiwilligen und vollkommenen Separation der Farbigen in den USA das wort zu reden. Wer einen Einblick in das Leben der Afro - Amerikaner gewinnen möchte, ist mit diesem Buch gut bedient und wird genug Informationen und Anregungen finden; wer dagegen eine geschliffene, literarisch interessante Erzählung zu stoßen hoffte, die auch im Bereich der Autobiographie ab und an zu finden ist, könnte enttäuscht werden. Dennoch bin ich durchaus der Meinung, daß man gut daran tut, dieses Buch zu lesen.

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