Ilija Trojanow : Der Weltensammler

Im Prolog des Romans verbrennt die Witwe Burtons kurz nach dessen Tod die Tagebücher ihres Mannes. Die drei Hauptteile beschäftigen sich mit drei seiner wichtigsten Reisen und Aufenthalten im Ausland. Als Burton nach Indien kommt, ist er zunächst einfacher Offizier der Britischen Armee in Gujarat, einem indischen Fürstentum nördlich von Bombay, meist umgeben von fremdenfeindlichen, vorurteilsbehafteten Landsleuten, beschäftigt mit eher stupiden Aufgaben wie Drill und Inspektionen. Als Sprachtalent und interessiert an Land und Kultur beginnt er sich zunehmend mit der Sprache und den Lebensweisen der Einheimischen zu beschäftigen. Der Brahmane Upanitsche wird ihm zum guten und hochgebildeten Lehrer. Zudem beginnt er eine Beziehung mit einer ehemaligen Tempeldienerin, die ihm sein Diener Naukaram zugeführt hat. Allerdings ist die Beziehung schwierig, denn Burton ist immer verunsichert, inwieweit seine Zuneigung erwidert wird. Aber auch die Frau wird ihm zur Lehrerin, denn während sie miteinander schlafen, erzählt sie ihm Geschichten, Anekdoten und Gleichnisse, und dies nicht nur um seinen Höhepunkt zu verzögern. Als sie wegen einer Krankheit im Sterben liegt, bittet sie ihn, sie in einem indischen Zeremoniell zu heiraten, doch Burton lehnt brüsk ab. Kurz darauf wird er in das muslimisch geprägte Sindh (heute : Pakistan) versetzt. Auch hier beschäftigt er sich intensiv, unterstützt von mehreren Lehrern, mit der Sprache (Urdu), den Bräuchen und den religiösen Lehren des Islam. Zunächst Selbstzweck, bleibt dies seinen Vorgesetzten nicht verborgen. Bald wird Burton zur Spionage eingesetzt, knüpft unentdeckt Kontakte und Freundschaften mit der dortigen Bevölkerung. Ihm ist aufgegeben, herauszufinden, wie Interna der Armee verraten würden. Er selbst wird immer mehr zum Muslim, ist in seiner Verkleidung kaum von den anderen Muslimen unterscheidbar, sodaß er selbst nach einer versehentlichen Verhaftung durch die Armee kaum erkannt wird und erst durch seinen Diener Naukaram befreit werden kann. Als er die Quelle des Verrats in einem Bordell für Homosexuelle ausmacht, in dem auch britische Offiziere verkehren, die Quellen aber nicht preisgeben will, ist sein Dienst in Indien abrupt beendet. Naukaram begleitet ihn zunächst nach Europa, doch nach Streitigkeiten kehrt er in seine Heimat zurück. Hier bittet er einen Lohnschreiber, einen Empfehlungsbrief zu verfassen, um weiter für britische Offiziere arbeiten zu können. Seine Erzählungen, meist lückenhaft und immer durch Nachfragen des indischen Schreibers unterbrochen, der Fehlendes allzu gern weiter ausspinnt und mit dramatischen Effekten versieht, bilden die Erzählperspektive des ersten Teils.
Der zweite Teil des Romans behandelt die Hadsch, die Pilgerreise nach Mekka und Medina, die Burton unternommen hatte. Höchst alarmiert zeigt sich die muslimisch - osmanische Obrigkeit, als sie durch die Veröffentlichung seiner Erlebnisse auf dieser Reise erfährt, daß ein Brite diesen Frevel begangen hat. Sie befürchtet allerdings weniger die Befleckung der Heiligtümer sondern eher kolonialistische Rankünen der Europäer, um an Einfluß im Osmanischen Reich und den arabischen Herrschaftsgebieten zu gewinnen. Eilig setzen die Regierungsbeamten intensive Nachforschungen in Gang, befragen und verhören die damaligen Reisebegleiter, greifen sogar zur Folter, als sie feststellen, daß niemand Burton als Europäer erkannt hatte. Nur ein Mitreisender, selbst eher Schmarotzer und Gauner, will einen Verdacht gehegt haben, jedoch ist er mehr oder weniger unglaubwürdig. Durch die Zeugenaussagen entsteht eine Chronik der Reise mit allen dramatischen, aber auch eintönigen Ereignissen. Burton ist in seiner Verkleidung und mit seinem reichen Wissen um Koran und Verhalten als muslim aus Persien anerkannt, findet Bekannte und zuverlässige Weggefährten. Die Einöde der Wüste, Sand und Sandstürme sind zermürbend und fordern auf dem Weg einige Opfer. Zusätzlich ist die Karawane immer wieder durch räuberische Beduinen bedroht. Doch Burton und die Weggefährten gelangen zunächst nach Medina, später nach Mekka. Erst hier erlebt Burton einen inneren, spirituellen Bruch in seiner Existenz (kaum Maske) als Muslim.
Der dritte Teil des Buches behandelt die Reise Burtons zum Tanganjikasee in Begleitung des Forschers John Hanning Speke. Einer ihrer Führer ist der ehemalige Sklave Sidi Mubarak Bombay, der als Kind gefangen und nach Indien verkauft wurde. In Sansibar erzählt dieser die Geschichte seiner Reise mit den beiden Europäern seinen Nachbarn. In alternierenden Abschnitten wird auch die Sicht von Richard Francis Burton dargestellt, der jedoch zumeist an malariabedingten Fieberschüben leidet. Speke ist laut, direkt und unsensibel, vor allem an der Großwildjagd interessiert, während Burton eher die Annäherung an Land und Leute versucht. Für Sidi ist eine Person wie Speke zwar nicht unbedingt sympathischer, aber durchaus nachvollziehbarer und berechenbarer. Selbst ein ehemaliger Sklave beobachtet er Burtons reichlich ambivalente Haltung zur Sklaverei mit Unverständnis und Argwohn. Die Expedition wird mehr und mehr zur Qual, denn die Reisebedingungen sind strapaziös. Und als die Malaria vehement ausbricht und beide Forschungsreisende in Mitleidenschaft zieht, wird es gefährlich. Niemand kann voraussehen, ob sie ihr Ziel, den Tanganjikasee jemals erreichen werden....

Ein Buch, das in fremden Landen angesiedelt ist, das fremdes Leben, Bräuche und Denkweisen, auch in der Konfrontation mit Europäern, schildern will, kommt ohne ein recht umfangreiches Glossar oder alternativ : Fußnoten oder in Klammern gesetzte Erklärungen nicht aus. Der Verlag und Autor wählten die erste Alternative, die nicht zu bemängeln wäre, fehlten nicht ab und an auch mehrfach auftauchende Begriffe wie "Hidjaz". So ist man ab und an damit beschäftigt, vergeblich im Glossar zu blättern.
Die Doppelthematik dieses Romans sind Fremde und die Annäherung an das Fremde. Trojanow hat dabei - folgerichtig - ein Bündel Erzählperspektiven gewählt, die niemals zulassen, daß Burtons Perspektive ungebrochen oder unwidersprochen die Erzählung dominiert. Erleichtert und gerechtfertigt wird dies, ebenso wie die fiktive Ausgestaltung der Geschehnisse, daß Burtons Tagebücher wirklich post mortem vernichtet wurden. So entstehen drei reiche, farbenprächtige und auch nachdenklich machende Romanepisoden, die einerseits viel über die Lebensumstände und Denkweisen der uns fremden Völker berichten, andererseits auch spannende, unterhaltsame Abenteuergeschichten erzählen. Gespannt verfolgt man die Metamorphose des Europäers zum gläubigen Muslim, denn immer deutlicher wird, daß Burtons Besessenheit nicht dabei stehen bleibt, eine Maske anzulegen. Und doch erkennt der aufmerksame Leser immer wieder leichte, haardünne Bruchstellen, sei es in der Beziehung zu der Tempeldienerin (deren Hauptpflicht im Tempel es war, den Priester zu befriedigen), oder sei es in der spirituellen Enttäuschung angesichts der muslimischen Heiligtümer in Mekka. Wirklich deutlich wird die Bruchstelle durch den ehemaligen Sklaven Sidi, der mit dem egozentrischen, unsentimentalen Speke weitaus mehr anfangen kann als mit dem eher introvertierten, aber um Anpassung bemühten Burton, auch wenn Speke vermutlich eher den Typ eines Kolonialisten mitsamt seinem vereinnahmenden, in Besitz nehmenden Wesen verkörpern dürfte. Burton erscheint gerade in seiner Besessenheit, in seiner Fixierung, ein anderer sein zu wollen, nach und nach auch dem Leser fremd und durch die Spionagetätigkeit ein wenig suspekt. Für mich war dieses Buch immer auch ein Text über das Scheitern, auch wenn sich Burton in seinem Leben als Forscher und umfassend gebildeter Übersetzer durchaus verdient gemacht hatte. Wie ein Symbol erschien mir die Tatsache, daß Speke allein den Victoriasee und damit die Quellen des Nils entdeckt hat. Für mich war es ein höchst imteressantes, spannendes Buch, das mir etliche, gut genutzte Lesestunden beschert hat.

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Zuletzt aktualisiert: 20. Aug, 15:40

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