Michel Faber : Das karmesinrote Blütenblatt

Die Protagonistin des im Jahr 1875 angesiedelten Romans ist die im viktorianischen London lebende, zum Zeitpunkt der Handlung neunzehnjährige Prostituierte Sugar, die im Alter von dreizehn Jahren von ihrer harten und alles andere als liebenswerten Mutter zur Prostitution gezwungen wurde. Sie gilt als Geheimtip in London, da sie "mit einem Lächeln" jeden Wunsch der Freier erfüllt, sei er auch noch so abstoßend. Im Inneren leidet sie jedoch auch sechs Jahre später noch unter dieser Gewalttat ihrer Mutter und unter den Zwängen ihres Gewerbes. In einem von ihr verfassten Roman lebt sie die Rachegelüste rückhaltlos und gewalttätig aus. Als sie auf William Rackham trifft, einen Sohn aus reichem Haus und eher geistlosen Dandy, eröffnet sich ihr der Weg aus dem Elend. Denn der, durch einen erotischen Stadtführer auf sie aufmerksam geworden, verfällt ihr schon bei der ersten Begegnung. Ihm wird klar, daß er sie allein besitzen will, und dafür ist es nötig, daß er zu Geld kommt. Bisher hatte er sich - obwohl verheiratet und Vater einer sechsjährigen Tochter - geweigert, dem väterlichen Wunsch nachzukommen und die Leitung der väterlichen Seifen - und Parfümfabrik zu übernehmen. Für diese Weigerung nahm er sogar in Kauf, daß der Vater die finanziellen Zuwendungen massiv kürzte. Doch von nun an arbeitet er sich in die Materie ein und wird zum erfolgreichen Leiter der Firma. Sugar, die ihn zu schätzen lernt, erhält ein Haus, eine üppige finanzielle Zuwendung und - wenigstens zu Beginn - Aufmerksamkeit und Zuwendung, sodaß sie sogar ihren Roman nicht weiterführt. Nach und nach aber werden die Besuche seltener, und sie fühlt sich vernachlässigt. Denn William Rackham ist immer in Arbeit und familiäre Schwierigkeiten eingebunden. Sein Bruder Henry, der sich zum Geistlichen berufen fühlt, gleichzeitig aber in eine religiös - orientierte Witwe verliebt ist, kommt mit diesem Zwiespalt nicht zurecht und stirbt letztlich während eines Brandes. Seine Frau Agnes, nicht nur psychisch erkrankt, sondern auch an einem Gehirntumor leidend, provoziert zunehmend Skandale in der Gesellschaft oder bricht immer wieder zusammen. Und Tochter Sophia wird eigentlich kaum wahrgenommen, sondern von einer autoritären Gouvernante drangsaliert und mit moralischem Wissen gedrückt. Als Sugar ihrem immer öfter abwesenden Geliebten nachspioniert, trifft sie bald auf Agnes, die sie in einer religiösen Verblendung für ihren persönlichen Schutzengel hält. Für William wird sie immer häufiger zur Beraterin in geschäftlichen Belangen, denn Lebensklugheit, Intuition und die Fähigkeit, mit Menschen umgehen zu können, mäßigen das eher cholerische Temperament Williams und bringen frische Ideen in die Firma. Als die Gouvernante ihren Dienst aufkündigt, fasst Sugar einen Entschluß....

Faber hat einen perfekten viktorianischen Roman geschrieben. Bis ins Detail sind soziale Wirklichkeit, geistige Strömungen und jede Kleinigkeit der Austattung recherchiert. Ebenso sorgfältig sind die inneren Strukturen und Tatsachen miteinander verwoben. Werden zu Beginn des Romans morsche Treppenstufen beschrieben, kann man als Leser sicher sein, daß spätestens zum Ende der über 1000 Seiten jemand genau dort verunglücken wird. Eine weitere Fähigkeit des Autors ist es, alle Personen detailgenau, ohne Klischees und lebendig zu porträtieren, von den Protagonisten bis zu den Nebenfiguren und Hausangestellten. Auch die Prostituierten enstammen nicht einer oft strapazierten Sozialromantik, sondern sind lebensechte Figuren mit durchaus eigenwilligen Lebenseinsichten und nicht zu unterschätzendem Artikulationsvermögen. Fabers eigentliche Sympathie gilt den Frauen des Romans, ihrem Kampf ums Überleben, um Anerkennung und Zuneigung oder - wie im Falle der Ehefrau Agnes - darum, dem goldenen Käfig zu entkommen. Fast alle Frauen sind Außenseiter in ihrer Gesellschaft - ebenso der eher lebensunfähige Henry Rackham - aber es ist William, der sich unberechtigter Weise im größten Maße dafür hält. Den Leser erwarten auf den vielen hundert Seiten keine Intrigen, keine große "Action", sondern eher private, und in diesem Sinne eher kleine Entwicklungen und Katastrophen, die jedoch im menschlichen, persönlichen und familiären Bereich immense und nicht immer negative Auswirkungen nachsichziehen. Dies vermag sicher nicht alle Leser zu fesseln, aber die, bei denen es gelingt, werden auf eine interessante, spannende und äußerst anregende Lektüre gestoßen sein.

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