José Saramago : Alle Namen
Senhor José ist etwas über fünfzig und ein kleiner Amtsschreiber im Zentralen Personenstandsregister, einer streng hierarchisch gegliederten Behörde, das alle relevanten Daten der Lebenden und Toten sammelt. Das Archiv, in dem die Akten gelagert werden, dagegen ist ein labyrinthisches, sich ständig änderndes Gebäude, da die Akten sich ständig vermehren und nach Todesfällen umgelagert werden müssen. Josés einzige, aber eifrig gepflegte Privatbeschäftigung ist das Sammeln von Zeitungsartikeln über berühmte Leute. Als akkurater Beamter will er aber diesen Ausschnitten noch die Daten des Personenstandsregisters beifügen und so schleicht er sich nachts in die Amtsräume, sucht die entsprechenden Akten heraus und überträgt die Daten in seine Sammlung. Bei seinem letzten Ausflug in das Archiv gerät ihm zufällig die Akte einer unbekannten Frau zwischen die von ihm herausgesuchten Unterlagen. Mehr als die Namen der Eltern, der Paten und des inzwischen geschiedenen Ehemannes, den Daten von Geburt, Taufe und Scheidung kann er in ihr nicht finden. Neugierig geworden, macht er sich nun auf die Suche nach weiteren Informationen über die Unbekannte und gerät dabei immer mehr auf illegale Pfade. Er fälscht eine Amtsvollmacht, um leichter Auskünfte der früheren Nachbarn zu erhalten, und bricht sogar in die ehemalige Schule der Frau ein, nicht ahnend, daß sie dort inzwischen als Lehrerin arbeitet. Nach und nach tastet er sich an das nähere Umfeld der Gesuchten heran, erfährt aber kaum Einzelheiten, da er davor zurückscheut, etwa mit ihren Eltern Kontakt aufzunehmen. Seine Recherchen haben allerdings gesundheitliche und damit dienstliche Konsequenzen, denn zunächst ist er oft genug übernächtigt und macht Fehler, dann erkrankt er an einer schweren Erkältung. Und seine Fehler begeht er auch bei seinen nächtlichen Ausflügen in das Dienstgebäude, sodaß einigen Kollegen Ungereimtheiten, fehlende Dokumente auffallen. Der Amtsleiter hingegen, der sonst kaum Kontakt zu den niederen Angestellten hat, zeigt unerwartet Interesse und Mitgefühl und entwickelt eine José und seine Kollegen verunsichernde Fürsorglichkeit. Kaum genesen schleicht sich José wieder in das Archiv. Und er muß feststellen, daß die Akte der unbekannten Frau verschwunden ist. Erst in der Abteilung der Verstorbenen findet er sie wieder : sie hat sich umgebracht. Und wieder gibt die Akte nur das nüchterne Faktum samt Datum preis. Wieder beginnt er seine Nachforschungen, muß aber verunsichert feststellen, daß auch der Amtsvorsteher sich in der Nacht in das Archiv begibt. Nach einigem Zaudern wagt er es dann doch, mit den Eltern der ihm unbekannten Frau zu reden, denn es scheint ihm unerlässlich, den Grund für ihren Selbstmord herauszufinden....
Dieser Roman von José Saramago bietet wenig Handlung, und selbst das Weinige scheint nicht zum Ziel zu führen, sondern in den Labyrinthen der Handlungsorte und Gedankenwelten verlorenzugehen. Der Amtsschreiber José, die einzige Person, deren Namen wir erfahren, verbringt sein Leben in den streng reglementierten Abläufen seiner Arbeit und einem kargen Rest an Privatleben. Erst sein Steckenpferd und vor allem das zufällige Mitnehmen der Unterlagen einer vollkommen Unbekannten brechen diese feste und ebenso beengenden Strukturen nach und nach auf. Um sein Ziel erreichen zu können, muß er sich in einen Irrgarten nach dem anderen begeben : in das Labyrinth des Archivs, das in der Nacht alptraumhafte, kafkaeske Dimensionen annimmt, in die unbekannten, nicht beleuchteten Räume der Schule, in der er sich kaum zurecht finden kann und schließlich auf den wuchernden und kaum strukturierten Friedhof, der längst jegliches bekannte Maß überschritten zu haben scheint und auf dem zu allem Überfluß noch jemand eifrig damit beschäftigt ist, die Nummern der Grabstellen zu vertauschen, bevor ein Grabstein gesetzt werden kann. Nicht zufällig drängen sich dem Leser Parallelen zu Kafka oder Borges auf, und das Beklemmende, Düstere wird noch verstärkt durch Dunkelheit und Regen, denn José arbeitet ja des Tags und kann seine Irrfahrten zumeist nur des Nachts unternehmen. Genauso labyrinthisch wie die Räumlichkeiten und Orte, in denen sich der vereinsamte und eigenbrödlerische Angestellte wiederfindet, scheint seine Suche. Allerdings weingstens teilweise durch seine eigenen Entscheidungen und Vermeidungsstrategien, denn nichts hätte ihn gehindert, gleich zu Beginn seiner Irrfahrten das Telefonbuch aufzuschlagen oder im Verlauf der Suche frühzeitig die Eltern der Gesuchten zu kontaktieren. Und gleichzeitig mag es scheinen, daß sich José auch in seinem Leben in eine immer auswegloser erscheinende Situation manövriert : denn immer häufiger verläßt er die zulässigen und reglementierten Wege, verstößt gegen Gesetze und übertritt auferlegte Grenzen. Aber bald wird dem Leser klar, daß es auch ein Aufbruch ist, ein Aufbegehren gegen das System des Personenstandsregisters und die Begrenztheit des eigenen Lebens. Denn José beginnt, sich zu bewegen, aus den starren Abläufen auszubrechen, die auch seine private Existenz geprägt hatten, auch wenn die Bewegung nicht zu einem Ziel zu führen scheint und sich mehr Fragen stellen als beantwortet werden. Das ganze Buch ist getragen durch eine kraftvolle, eindrückliche Sprache, durch Metaphern, Symbole und literarische Anspielungen etwa an die klassisch - griechische Mythologie und durch eine wohltuende Ironie, die diesem existenzialistischen Drama die Schwere nimmt und das Lesen immer wieder zum Genuß macht, sofern der Leser nicht ausschließlich handlungsfixiert ist. Nicht alle Leser dürften sich von diesem Buch angesprochen fühlen, wer aber Freude an Kafkas Romanen findet, dürfte auch mit diesem Buch bestens zurecht kommen.
Dieser Roman von José Saramago bietet wenig Handlung, und selbst das Weinige scheint nicht zum Ziel zu führen, sondern in den Labyrinthen der Handlungsorte und Gedankenwelten verlorenzugehen. Der Amtsschreiber José, die einzige Person, deren Namen wir erfahren, verbringt sein Leben in den streng reglementierten Abläufen seiner Arbeit und einem kargen Rest an Privatleben. Erst sein Steckenpferd und vor allem das zufällige Mitnehmen der Unterlagen einer vollkommen Unbekannten brechen diese feste und ebenso beengenden Strukturen nach und nach auf. Um sein Ziel erreichen zu können, muß er sich in einen Irrgarten nach dem anderen begeben : in das Labyrinth des Archivs, das in der Nacht alptraumhafte, kafkaeske Dimensionen annimmt, in die unbekannten, nicht beleuchteten Räume der Schule, in der er sich kaum zurecht finden kann und schließlich auf den wuchernden und kaum strukturierten Friedhof, der längst jegliches bekannte Maß überschritten zu haben scheint und auf dem zu allem Überfluß noch jemand eifrig damit beschäftigt ist, die Nummern der Grabstellen zu vertauschen, bevor ein Grabstein gesetzt werden kann. Nicht zufällig drängen sich dem Leser Parallelen zu Kafka oder Borges auf, und das Beklemmende, Düstere wird noch verstärkt durch Dunkelheit und Regen, denn José arbeitet ja des Tags und kann seine Irrfahrten zumeist nur des Nachts unternehmen. Genauso labyrinthisch wie die Räumlichkeiten und Orte, in denen sich der vereinsamte und eigenbrödlerische Angestellte wiederfindet, scheint seine Suche. Allerdings weingstens teilweise durch seine eigenen Entscheidungen und Vermeidungsstrategien, denn nichts hätte ihn gehindert, gleich zu Beginn seiner Irrfahrten das Telefonbuch aufzuschlagen oder im Verlauf der Suche frühzeitig die Eltern der Gesuchten zu kontaktieren. Und gleichzeitig mag es scheinen, daß sich José auch in seinem Leben in eine immer auswegloser erscheinende Situation manövriert : denn immer häufiger verläßt er die zulässigen und reglementierten Wege, verstößt gegen Gesetze und übertritt auferlegte Grenzen. Aber bald wird dem Leser klar, daß es auch ein Aufbruch ist, ein Aufbegehren gegen das System des Personenstandsregisters und die Begrenztheit des eigenen Lebens. Denn José beginnt, sich zu bewegen, aus den starren Abläufen auszubrechen, die auch seine private Existenz geprägt hatten, auch wenn die Bewegung nicht zu einem Ziel zu führen scheint und sich mehr Fragen stellen als beantwortet werden. Das ganze Buch ist getragen durch eine kraftvolle, eindrückliche Sprache, durch Metaphern, Symbole und literarische Anspielungen etwa an die klassisch - griechische Mythologie und durch eine wohltuende Ironie, die diesem existenzialistischen Drama die Schwere nimmt und das Lesen immer wieder zum Genuß macht, sofern der Leser nicht ausschließlich handlungsfixiert ist. Nicht alle Leser dürften sich von diesem Buch angesprochen fühlen, wer aber Freude an Kafkas Romanen findet, dürfte auch mit diesem Buch bestens zurecht kommen.
tinius - 11. Aug, 00:30








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