Jewgenij Samjatin : Wir

Der Autor : Jewgenij Iwanowitsch Samjatin wurde 1884 in Lebedjan, einer russischen Provinzstadt etwa 200 Kilometer südlich von Moskau, als Sohn eines russisch - orthodoxen Priesters und Lehrers geboren. Seine Mutter war gebildet und hatte Klavierspielen gelernt. Als Jugendlicher las er unter anderem Dostojewskij, Gogol, Turgenjew und Anatole France. Im Gymnasium entwickelte er bald ein Talent für das Schreiben und fiel durch exzellente Aufsätze auf. Die Schule beendete Samjatin 1902 mit Auszeichnung. Er immatrikulierte sich am St. Petersburger Polytechnikum für Schiffsbau. In den Ferien arbeitete er ab und an in Fabriken, meist jedoch heuerte er auf Schiffen an und gelangte so an die unterschiedlichsten Orte. Seine weiteste Fahrt führte ihn bis nach Alexandria. Schon bald schloß er sich den Bolschewiki an und vertrat auch aktiv deren revolutionäre Politik, was ihn mehrmals vor Gericht und in die Verbannung brachte. 1908 beendete er sein Studium und wurde Dozent des Polytechnikums. Schon 1906 hatte Samjatin nebenbei mit dem Schreiben begonnen, zwei Jahre darauf debütierte er mit der Erzählung "Ausbildung", die in einer Tageszeitung veröffentlicht wurde, ohne jedoch Beachtung zu finden. 1911 schrieb er - verbannt in ein kleines russisches Dorf bei St. Petersburg - die satirische Erzählung "Vom Leben in der Provinz", die ihm die ersten literarischen Erfolge brachte. Schon die nächste größere Erzählung "Am Ende der Welt" brachte ihn erneut vor Gericht, da er die russische Armee verunglimpft haben sollte. Im Jahre 1916 wurde er nach England entsandt, um den Bau von Eisbrechern für Rußland zu überwachen. Hier enstand unter anderem die satirische Erzählung "Die Insulaner". Die Februarrevolution 1917 veranlasste ihn, baldmöglichst in seine Heimat zurückzukehren. An der folgenden und für die Bolschewiki erfolgreichen Oktoberrevolution beteiligte er sich aktiv. Danach fand er seinen beruflichen Schwerpunkt in kulturellen und literarischen Leben der jungen Sowjetunion. Er gab verschiedene Literaturzeitschriften heraus, unterrichtete Literatur, war als Kritiker, Übersetzer und Herausgeber - so der Werke von Jack London, O Henry und vor allem H.G. Wells. In dieser Zeit freundete er sich mit Maxim Gorki an. Auch wurde er zum Kulturfunktionär und gelangte so in den Vorstand des sowjetischen Schriftstellerverbandes. Zudem entwickelte er mit anderen eine Literaturtheorie (Neorealismus), die sowohl dem Realismus - auch dem sozialistischen - eine Absage erteilte und stattdessen eine mikroskopische und mit Zeitraffereffekten versehene Betrachtungsweise propagierte, als auch jeder Funktionalisierung der Literatur für revolutionäre Ziele. Der Künstler sei immer ein Außenseiter und Ketzer, der mit Traditionen zu brechen habe, um Neues und Revolutionäres zu erreichen. Hierin bahnen sich auch bald die Schwierigkeiten mit dem sowjetischen, leninistischen System an, dem er Unterdrückung der Meinungs - und Kunstfreiheit vorwirft. Nach einigen Erzählungen wie "Die Höhle" oder "Der Norden", beide im Jahr 1920 entstanden, schreibt er seinen ersten und einzigen (vollendeten) Roman "Wir". Die Bezugspunkte des Werkes finden sich einerseits in den sozialkritischen, aber technikbegeisterten Romanen H.G. Wells, andererseits in einer massiven Kritik an der "Proletkult" - Literatur, vor allem vertreten durch den Schriftsteller Alexander Bogdanow, die Technik, Industrie und gleichgeschaltete Kollektive verherrlichten. Auch wenn "Wir" nicht als Kritik an spezifisch sowjetischen Zuständen gedacht war, obwohl dies von der sowjetischen Kritik bis zum Zerfall der Sowjetunion immer behauptet worden war, sondern an den Gefahren durch übernationale Technisierung und Industrialisierung, die Entfremdung und technologische Kollektivierung und daraus enstehende Entwicklungen eines Totalitarismus, war es unvermeidlich, daß das Buch der Zensur zum Opfer fiel und bis zum Ende der Sowjetunion dort nicht erscheinen durfte. Allerdings fiel Samjatin nicht vollkommen in Ungnade. Mehr und mehr wandte er sich in den folgenden Jahren der Dramatik zu und verfasste Theaterstücke, die auch weiterhin gespielt wurden / werden durften. Auch Erzählungen erschienen weiterhin, die zunächst immer experimenteller wurden, später eine Konzentration auf eher einfache Erzählstrukturen aufwiesen. 1924 erschienen die ersten Übersetzungen des Romans "Wir" in englischer und französischer Sprache (zu den literarischen "Folgen" später mehr), 1927 in tschechischer Sprache und im selben Jahr in einer Prager Emigrantenzeitung eine Kurzfassung in russischer Sprache. Obwohl versucht wurde, diese russische Veröffentlichung als eine Übersetzung der tschechischen Ausgabe zu tarnen, hatte die Publikation massive Auswirkungen auf Samjatin : die sowjetische Presse führte Kampagnen gegen ihn, man warf ihm "Pessimismus", "feindliche Einstellung gegenüber der Revolution" und "Antisowjetismus" vor. Weitere Veröffentlichungen waren unmöglich. Samjatin legte seine Ämter nieder, trat aus dem sowjetischen Schriftstellerverband aus. 1931 bat er Stalin, die Sowjetunion verlassen zu dürfen, was dieser - vermutlich wegen der Fürsprache Gorkis - genehmigte. Samjatin ging mit seiner Frau nach Paris ins Exil. Hier lebten sie einige Jahre in Armut, während Samjatin an einem - unvollendet gebliebenen - Roman arbeitete. 1937 starb Jewgenij Samjatin an einem Herzinfarkt in Paris.

Das Buch : Der Roman ist in einer Zeit von beinahe tausend Jahren nach seiner Entstehung angesiedelt. Nach einem mehr als zweihundert Jahre währenden Krieg hat sich der "Einzige Staat" hinter einer "Grünen Mauer" etabliert, die ihn von der chaotischen, feindlichen Umwelt abschottet. Er funktioniert nach rein wissenschaftlichen und vor allem mathematischen Prinzipien und beschneidet die Freiheit der Bürger vollkommen, um deren Glück mittels völliger Gleichschaltung herbeizuführen. Man steht kurz vor der Fertigstellung und Erprobung des Raumschiffs "Integral", das die Errungenschaften des "Einzigen Staates", der durch den Wohltäter regiert und ein engmaschiges Überwachungsnetz kontrolliert wird, auf anderen Planeten verbreiten soll. Dazu sind die Bürger aufgerufen, die Vorteile mithilfe von Briefen, Aufzeichnungen und Aufrufen zu schildern. So beginnt der Protagonist, der Mathematiker und Chefingenieur des Raumschiffes, D-503 ebenfalls mit einem Tagebuch. Jedoch entwickeln sich seine Schilderungen bald vollkommen anders. Zunächst scheint er vollkommen zufrieden mit den Gegebenheiten : alle arbeiten, gehen spazieren, leben in kollektivem Gleichschritt, es gibt ausschließlich gläserne Wohnungen, Vorhänge dürfen nur verwendet werden, wenn einem aufgrund der Berechnung des Hormonhaushaltes ein(e) Partner(in) zugewiesen wurde, man hat sich regelmäßigen Schulungen zu unterziehen etc. Doch dann trifft er auf I-330 und verliebt sich in sie. D-503 wird immer ambivalenter in seiner Haltung zu seinem Staat, er entwickelt nach und nach eine Seele, eine eigene Persönlichkeit. Und doch scheinen ihm der "Einzige Staat", der Wohltäter ein notwendiges Maß an Sicherheit und Geborgenheit zu gewährleisten. Erst nach und nach erfährt er, daß I-330 einer revolutionären Gruppe angehört, die Kontakt zur Außenwelt und zu dort lebenden Menschen hat, die sich zum Ziel gesetzt hat, den Menschen zur Freiheit und zur Selbstbestimmung zu verhelfen. Mehr und mehr, wenngleich widerstrebend, verwickelt sich der Ingenieur in die heimlichen Vorbereitungen auf den Umsturz, und muß feststellen, daß das von ihm konstruierte Raumschiff dabei ein Schlüsselstellung einnimmt. Hinundhergerissen zwischen Panik, seiner Liebe zu der Revolutionärin und seinem Verlangen nach Sicherheit, erklärt er sich bereit, I-330 zu unterstützen. Doch das Vorhaben wird verraten....


Wirkungsgeschichte : Vor allem die Übersetzung ins Englische (1924) traf in Europa auf bereitwillige Leser und inspirierte im Laufe der Zeit mehrere Autoren, ähnliche, jedoch ebenso eigenständige Anti - Utopien zu entwerfen. 1932 erschien Aldous Huxleys "Schöne Neue Welt". Hier hat sich ein "Weltstaat" konstituiert, der nach den Prinzipien des Fordismus funktioniert. Das Glück der Menschen ist erreicht (im Gegensatz zu "Wir", wo man noch am Errreichen des allgemeinen Glückes arbeitet). Die Fortpflanzung ist mittels Reproduktionstechnik mechanisiert, die Menschen gehören fünf verschiedenen Klassen an, die seit der Zeugung auf ihre jeweils künftige Rolle vorbereitet werden und dementsprechend zufrieden sind. Nur Bernard, eine der Hauptfiguren, spürt ein wachsendes Unbehagen. In einem Reseervat für "Wilde" trifft er auf John, den er in "Weltstaat" mitnimmt. Der lernt die ihm dort gebotenen Freiheiten (freie Liebe, Drogen, Konsum) zu schätzen, muß aber bald feststellen, daß die wahren Freiheiten (der Meinungsäußerung, der Selbstverwirklichungen) nicht vorhanden sind. Huxley entwickelt seine Kritik an beiden ideologischen Strömungen der Zeit : am Kapitalismus genauso wie an sozialistischen Ideen.

1937 entstand der Roman "Hymne" ("Anthem") von Ayn Rand. Er ist eine Abrechnung mit den kommunistischen bzw. sozialistischen Denkansätzen und dem daraus resultierenden Wirtschaftssystem. Wie bei Samjatin (Rand stammt im übrigen ebenfalls aus Rußland bzw., der Sowjetunion), tragen die Personen zumeist Zahlen in ihren Namen. Equality 7-2521 beschreibt in einem Tunnel verborgen über seinen Lebensweg. Gewöhnt an kollektives Denken benutzt er unablässig das Wort "Wir", das Wort "Ich" ist ihm wie allen anderen unbekannt. Als er Liberty 5-3000 trifft, verliebt er sich in sie. Er ist eigentlich als Straßenkehrer verpflichtet, aber seine Verliebtheit treibt ihn dazu, naturwissenschaftlioche Forschungen anzustellen. So entdeckt er noch einmal die Elektrizität, erfindet die Glühbirne ein weiteres Mal, Wissen, das der Gesellschaft anhanden gekommen war. Bevor er aber sein Wissen in den Dienst der Gesellschaft stellen kann, wird er verhaftet, weil er der ihm bestimmten Tätigkeit und Behausung ferngeblieben war. Als er fliehen kann, präsentiert er seine Erfindung dem Wissenschaftsrat, der aber nichts davon wissen will, da für diese Arbeit keine Genehmigung vorlag. Equality 7-2521 flieht mit seiner Erfindung in ein abgelegenes Haus im Wald, trifft auf Liberty 5-3000, und beide entdecken in den dort vorhandenen Büchern das Wort "Ich", ihre Individualität und daraus resultierend ihre Gefühle füreinander. Ayn Rand hat mit diesem Roman ein heftiges Plädoyer für eine kapitalistische, auf den (materiellen) Bedürfnissen des Individuums basierende Gesellschaft geschrieben.

1948 schrieb George Orwell seinen Roman "1984", der Mitte 1949 publiziert wurde. In diesem Buch sind die Parallelen zu Samjatins "Wir" etwas deutlicher : Ozeanien ist ein repressiver Überwachungsstaat, der vom "Großen Bruder" geführt wird. Winston Smith kann sich mit den herrschenden Zuständen nur schwer abfinden. Als er auf Julia trifft, weiß er zunächst nicht, ob er ihr vertrauen kann. Doch sie gesteht ihm ihre Liebe. Wegen der ständigen Überwachung sind Zusammenkünfte schwierig, und nur ein Parteifreund, der durch leicht abweichendes Verhalten auffällt, scheint ihnen die nötigen Freiräume bieten zu können. Er vermag es auch, aus Winston revolutionäre Bekenntnisse hervorzulocken, und verrät schließlich beide. Beide werden rigidesten Umerziehungsmaßnahmen unterworfen und schließlich gebrochen. Orwells Roman wendet sich eindeutig und heftig gegen den Stalinismus (aber auch die Bezüge zum kurz vorher besiegten Faschismus sind unübersehbar). "1984" ist von allen vier Büchern wohl das düsterste und am auswegloseste Buch.

Bewertung : Man möchte anraten, dieses Buch entweder als erstes von allen genannten zu lesen oder - sofern man "Schöne Neue Welt" und "1984" schon kennt - doch eine etwas längere Zeit verstreichen zu lassen, bis man "Wir" zu lesen beginnt. Denn sonst drängen sich die Ähnlichkeiten unvermeidlich ins Bewußtsein und verhindern, daß man Wert und Eigentümlichkeiten des hier vorgestellten Buches würdigen kann. D-503 ist in seiner Ambivalenz, in seinem Zögern und seiner Sehnsucht nach Sicherheit zutiefst menschlich. Und so ist er auch kein Held, beinahe ein Anti - Held. Das Buch - durch die Form der Tagebuchaufzeichnung - ist konsequent aus der Ich - Perspektive geschrieben, auch I-330 bleibt in ihren Gefühlen zu D-503 nur skizziert, sodaß man im Zweifel ist, ob ihre Zuneigung zum Konstrukteur des Raumschiffes nur Mittel zum Zweck oder echt ist. Aber sie ist - neben der Beschreibung der Realität des "Einzigen Staates" das politische Element. Sie sagt deutlich, daß es kein Ende der Revolutionen geben kann, wie "ideal" auch die Errungenschaften der letzten genannt worden seien. Samjatin hat eindrucksvoll und sprachlich brilliant eine Gesellschaft beschrieben, deren Gesetze nach dem Vorbild des Eisenbahnfahrplans verfasst wurden, deren Massen sich wie Industriemaschinen bewegen und bis in die Freizeit kollektiviert wurden. Immer wieder ist die Satire erkennbar, genauso gut aber der Mensch mit seinen widersprüchlichen Bedürfnissen von Individualität, Seele (der unheilbaren Krankheit), Phantasie, die solch ein Staat zuletzt operativ zu entfernen versucht auf der einen, von Anpassung, Sicherheit undAufgehen in der Masse auf der anderen Seite. Samjatin läßt den Türspalt (nur) ein wenig offen, denn mag es seinen Protagonisten an Leben oder Seele gehen, so sind der Rebellen viele, und seine Forderung nach Menschlichkeit, danach menschlich zu bleiben, ist aktuell wie seit jeher. Ich denke, das Buch ist und bleibt interessant und bietet sprachlich und stilistisch einige angenehme Lesestunden.

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